Autor: Kerstin Peters

  • Tanzen – durch Musik in Bewegung

    Seit inzwischen drei Jahren (eigentlich zwei Jahren + ein Jahr Corona-Zwangspause) tanze ich in einer Karlsruher Tanzschule – ein super Ausgleich zum Alltag, der funktioniert. Wie, erzähle ich Euch hier.

    Aller Anfang ist spannend

    Nachdem ich an der Tanz-AG in meinem letzten Schuljahr in der Blindenschule großen Gefallen gefunden hatte, war für mich schnell klar, dass ich einen richtigen Tanzkurs machen wollte. Natürlich stellte ich mir am Anfang einige Fragen: Hat man die Zeit und Geduld, mir die Bewegungen verbal zu beschreiben und mich bei Fehlern zu korrigieren? Kann ich mit dem vorgegebenen Tempo mithalten? Und lässt sich überhaupt jemand auf eine blinde Tanzpartnerin ein? Aber ich war entschlossen: Wenn ich als blinder Mensch in der „Sehendenwelt“ Anschluss finden will, muss ich von mir aus das Risiko eingehen eventuellen Vorurteilen mit meiner eigenen Selbstsicherheit entgegentreten. Also meldete ich mich an.

    Zurechtfinden in einer großen Gruppe

    Tatsächlich war es gar nicht so einfach für mich, mich zurechtzufinden. Die Paare formierten sich bei jedem Lied, manchmal sogar innerhalb eines Liedes neu und eine Gruppe von mehr als 50 Leuten macht es nahezu unmöglich, nur übers Gehör einen Überblick darüber zu bekommen, was gerade passiert – ohne meine Tanzlehrerin, die mich bei Partnerwechseln zuverlässig neu „verpartnerte“, wäre ich vermutlich völlig überfordert gewesen. Inzwischen bin ich in einer deutlich kleineren Kursgruppe und bin darüber sehr froh, da die Anzahl der Personen hier wesentlich überschaubarer ist und während der Erklärungen der Tanzlehrerin auch nicht mehr ständig geflüstert wird, was mich um ehrlich zu sein oft ziemlich gestresst hat. Zudem ist mein jetziger Kurs für feste Tanzpaare ausgelegt, sodass auch keine Partnerwechsel mehr stattfinden.

    Besonderheiten durch die Blindheit

    In meinem Tanzkurs habe ich den großen Vorteil, dass alle Tänze Paartänze sind. Dadurch tanzen sowieso alle durch die Tanzhaltung in direktem Körperkontakt mit dem Partner, wodurch ich die Bewegungen sehr gut erspüren kann. Im Gegensatz zu den Sehenden, die viel übers Abschauen von der Tanzlehrerin lernen, ist für mich das praktische Tun essenziell. Nur so kann ich wirklich erfassen, wie die Figur geführt wird und wie ich meine Schritte setzen muss. Es braucht also einen entsprechend geduldigen und verständnisvollen Tanzpartner – wobei das bislang mit allen gut funktioniert hat. Daneben orientiere ich mich sehr stark am Rhythmus der Musik, der mich insbesondere beim Lernen neuer Schrittfolgen sehr unterstützt.

    Schwierig wird es bei Tänzen, die ohne Partner getanzt werden. In den ersten Kursen haben wir immer wieder sogenannte „Partytänze“ gelernt, bei denen ich dann mal gern schräg gedreht oder Bewegungen anders interpretiert habe, als sie tatsächlich waren. Außerdem war es hier immer problematisch, wenn ich mal rauskam, weil es entsprechend schwierig ist, wieder in eine Choreographie hineinzufinden, wenn man nicht sieht, wo die anderen gerade sind. Inzwischen werden im Kurs aber nur noch Paartänze getanzt, weshalb dieses Problem zumindest aktuell der Vergangenheit angehört.

    Nie die Hoffnung verlieren

    Teilweise war meine bisherige Tanz-Zeit ziemlich steinig. In den vergangenen 1 1/2 Jahren, in denen ich – erst aufgrund von Corona, dann aufgrund meines Kurses (ich habe zwischenzeitlich vom Jugendkurs in den Erwachsenenkurs gewechselt) – einen festen Tanzpartner brauchte, musste ich (nicht aufgrund meiner Blindheit – coronabedingt bzw. aus persönlichen Gründen) dreimal neue Tanzpartner suchen. In den Zeiten, in denen ich keinen festen Tanzpartner hatte (in zwei von drei Fällen war ich einige Wochen ohne Partner), bin ich – da die anderen natürlich auch als feste Paare getanzt haben – regelmäßig alleine stehen geblieben, was für mich natürlich äußerst ungünstig war, weil ich ja erstrecht das praktische Tun brauche, um neue Sachen zu lernen. Daraus resultierten ein Gefühl von Ausgeschlossenheit und die stetige Ungewissheit, ob ich noch weitertanzen kann oder unfreiwillig aufhören muss, weil ich niemanden habe, der mit mir weitermacht.

    Wenn ich aber eines durch den Tanzkurs gelernt habe, dann, dass man die Hoffnung niemals aufgeben sollte, auch wenn es gerade schwierig ist. Meine Tanzlehrerin hat wirklich alles getan, was sie tun konnte, um mir eine gleichberechtigte Teilnahme im Kurs zu ermöglichen. Gleich zu Beginn hat sie mich gefragt, worauf sie bei ihren Ausführungen neuer Schritte achten muss. Wenn ich keinen Tanzpartner hatte, hat sie mit mir getanzt, damit ich den Anschluss nicht komplett verliere. Und nicht zuletzt hat sie einen großen Anteil daran, dass sich immer wieder Tanzpartner gefunden haben. So erfüllt es mich vor allem mit großer Dankbarkeit, dass ich Anfang Mai erfolgreich in den Goldstar 2-Kurs starten konnte – denn tanzen ist für Blinde ein wunderbarer Sport, wenn man ein offenes Umfeld hat, dass auf die sich daraus ergebenden Bedürfnisse eingeht, aber auch die Stärke eines sehr guten Gespürs zu schätzen weiß.

  • Eindrücke von der Mitmachbühne in der Kulturküche Karlsruhe

    Gemeinschaft erleben, neue Menschen kennenlernen, sich frei entfalten oder auch Neues ausprobieren … All das konnte man am 20.03.2022 im Rahmen eines Aktionstages anlässlich des Welttags des Glücks in der Kulturküche Karlsruhe, der von der Stiftung Kraftnetzveranstaltet wurde – unter anderem auf der von mir initiierten „Mitmachbühne“, einem offenen Raum, der zum freien gemeinschaftlichen Singen und Musizieren einlud.

    Der Aktionstag begann gegen 14.00 Uhr mit einer kleinen Begrüßung, bei der alle Aktionen kurz vorgestellt wurden. Zuvor hatte ich rund um das Klavier alle vorhandenen Instrumente (Gitarre, Akkordeon, Cajon und verschiedene Trommeln) hergerichtet.

    Nachdem sich alle an der Kuchenauswahl bedient hatten, starteten nach und nach die verschiedenen Aktionen. Neben der Mitmachbühne waren das u. a. noch ein Malangebot („GlücksKunst“) oder das „Schwätzbänkle“.

    Bei meiner Aktion war vor allem Flexibilität gefragt: Wie mutig sind die Leute, die kommen? Fangen sie von selbst an zu musizieren oder muss ich erst darauf aufmerksam machen und ermutigen, indem ich einen bewussten Anfang mache? Und was sind das für Menschen, die die Instrumente spielen? Sind sie schüchtern oder dominant, musikalisch oder unmusikalisch, Schlager-Fans oder Klassikliebhaber …? Letzendlich machte eine andere Helferin des Kraftnetzes den Anfang und lockte durch ihr Klavierspiel die ersten Musikbegeisterten in den Raum.

    Was dann geschah, war so faszinierend und wunderbar, wie es nur die Sprache der Musik ausdrücken kann. Es wurde – insbesondere in der Anfangsphase – relativ wenig gesprochen und so habe ich immer wieder musikalische Impulse gesetzt. Sobald aber die Grundlage (häufig einfache Friedens- oder Herzenslieder, die nur aus einem kurzen Text und wenigen Akkorden bestanden und immer wiederholt wurden) gelegt war, wurde munter improvisiert. Dabei konnte es durchaus sein, dass die Instrumente im Laufe eines Liedes ihren Besitzer wechselten. Für mich war das natürlich insofern besonders spannend, weil die anderen gesehen haben, was im Raum passiert und ob z. B. die Gitarre gerade von einem Mann oder einer Frau gespielt wird, wie alt die Person ungefähr ist etc. Ich bemerkte nur, dass ein Instrument plötzlich nicht mehr (oder wieder) oder in einer anderen Klangfarbe, einem anderen Rhythmus o. Ä. zu hören war. Teilweise hatte ich keine Ahnung, mit wem ich da gerade musiziere – und trotzdem funktionierte es. Es entstand eine Verbindung, ohne dass man sich kannte – und ohne sich vorher abgesprochen zu haben, kamen die Lieder immer zu einem gemeinsamen und harmonischen Schluss.

    Später kamen auch mehr (musikalische und sprachliche) Impulse aus der Gruppe. So gab es zwischendurch eine intuitive Trommeleinlage, ein wunderbar meditatives Stück einer Handpan-Spielerin und einen sehr regen Austausch. Den Abschluss auf der Mitmachbühne machten ein paar Kinder etwa im Kindergartenalter, die voller Neugierde und Tatendrang das Klavier und die Trommeln eroberten, mal laut, mal leise, mal die hohen, mal die tiefen Töne spielten und dazu ein Kinderlied sangen.

    Mir hat dieser Nachmittag gleich mehrere Sachen verdeutlicht. Zum einen natürlich einmal mehr, warum ich Musik so liebe. Da waren Leute im Alter von zwei oder drei bis über 70, teils mit, teils ohne Behinderung. Manche waren vor Corona regelmäßig bei Jam Sessions oder spielen seit Jahren in Bands, andere haben sich einfach an ihre Kindheit erinnert gefühlt, als sie eine Rassel in die Hand nahmen oder auf die Trommel schlugen. Musik ist eine Sprache, die über alle Grenzen hinweg funktioniert – so gab es auch überhaupt keine Verständigungsschwierigkeiten, als sich ein Musiker ohne Deutschkenntnisse zu uns gesellte. Zum anderen lohnt es sich, manche Ideen einfach mal umzusetzen, ganz nach dem Motto „Einfach mal machen – könnte gut werden“. Seit Jahren möchte ich mit Hilfe von Musik anderen und mir selbst einen Moment der Freude schenken, einen offenen Raum schaffen, in dem eine ungezwungene und ganzheitliche Selbstentfaltung möglich ist, und Menschen miteinander verbinden. Mit der Mitmachbühne habe ich erstmals aus eigenem Antrieb heraus ein solches Umfeld angestoßen – und es hat sich gelohnt!