Kategorie: Rückblick auf vergangene Aktionen

  • Adventsnachmittag im Kretschmar-Huber-Haus

    Am 11. Dezember war ich wieder im Kretschmar-Huber-Haus, dem örtlichen Altenheim, zu Gast, wo ich den Adventsnachmittag mitgestalten sollte.

    Der Adventsnachmittag war eine Mischung aus Wortbeiträgen (Geschichten, Gedichte und Witzen), Liedern (dafür war im Wesentlichen ich zuständig) und Zeiten zum „Schwätzen“ (mit Leitfragen wie „Was ist für Sie das Schönste an Weihnachten?“, „Wie sah das Weihnachtsfest in Ihrer Kindheit aus?“ oder „Was sind prägende Erinnerungen, die Sie mit Weihnachten verbinden?“). Bei den Liedern orientierte ich mich an einem entsprechenden Liederheft, in dem viele Liedtexte bekannter Weihnachtslieder für die Bewohner*innen zusammengestellt waren, und hatte bei meiner Auswahl ziemlich viele Freiheiten, wobei ich mich auch diesmal wieder auf Spontanität und Unerwartetheit einstellte. Für die Liedbegleitung hatte ich die Ukulele, aber auch das Stage-Piano dabei, wobei ich das Piano meist für die getrageren, festlichen Lieder nutzte, während ich für sanfte und leichte Lieder die Ukulele bevorzugte.

    Bei meiner Liedauswahl hatte ich bewusst versucht, zwar ausschließlich bekannte und deutsche Weihnachtslieder auszusuchen, die Anzahl der klassischen Kirchenlieder aber zu begrenzen und eher auf Lieder zurückzugreifen, bei denen die Geburt Christi nicht direkt im Vordergrund steht, weil ich verhindern wollte, dass sich die Bewohner*innen – vor allem auch diejenigen, die nicht religiös sind – wie im Gottesdienst fühlen. Spätestens bei den Liedwünschen war jedoch klar, dass es ohne „Oh Du Fröhliche“ und „Stille Nacht“ nicht geht. Gut war, dass die Gruppe sehr singfreudig war, sodass man erstens meine aus der Spontanität heraus resultierenden Spielfehler nicht so sehr hörte und zweitens mir sehr klar kommuniziert wurde, wie viele Strophen ich spielen musste, denn bei „Tochter Zion“ und „Kommet Ihr Hirten“ wusste ich gar nicht, wie viele Strophen es gab. Bei „Oh Du Fröhliche“ stellte sich heraus, dass in dem Liederheft nicht die drei Weihnachtsstrophen, sondern – der ursprünglichen Überlieferung des Liedes getreu – eine Weihnachts-, eine Oster- und eine Pfingststrophe abgedruckt waren, was dazu führte, dass manche die zweite und dritte Weihnachtsstrophe auswendig sangen, während die anderen stur nach Schrift einmal durchs ganze Kirchenjahr reisten. Wie schon gesagt, ohne Spontanität geht es hier nicht – aber irgendwie klappt es dann doch immer.

    Zum Schluss gab es für jede*n einen von einem Kind der örtlichen Grundschule gestalteten Papierstern – kleine Unikate, von denen jedes anders und einzigartig war. Auch wenn ich mit der Qualität meines Spiels alles andere als zufrieden war, die Bewohner*innen des Altenheims haben sich wieder sehr darüber gefreut.

  • Wieder in Heddesheim – diesmal zur Nikolausgala

    Mein Auftritt beim Dorffest in Heddesheim hat offensichtlich Eindruck hinterlassen. Nun wurde ich erneut für eine Veranstaltung von Inclusives e. V. angefragt. Diesmal ging es um eine Nikolausgala am 6. Dezember.

    Als Location hatte man sich die Räumlichkeiten des Golfclubs Heddesheim ausgesucht. Die Gäste waren vor allem Mitarbeitende von Firmen, die diesen Abend für ihre Weihnachtsfeier nutzten. Die Dekoration im Raum und die Outfits der Besucher*innen waren festlich und fein. Neben dem Beitrag von Inclusives e. V. selbst waren auch prominente Unterstützer, bekanntester von ihnen wohl Joey Kelly von der „Kelly Family“, vor Ort sowie weitere Comedy- und Musik-Acts in das Unterhaltungsprogramm des Abends eingebunden. Ein Drei-Gänge-Menü, wobei der Hauptgang als großes Buffet aufgebaut wurde, rundete den Abend ab.

    Inclusives e. V. als Organisator des Events beanspruchte gleich die erste Stunde für sich. Wie auch beim Dorffest waren wieder verschiedene Musiker*innen mit unterschiedlichen Behinderungen dabei, wobei ich die Organisation vor und während der Veranstaltung diesmal wesentlich besser fand als auf dem Dorffest. Die Abläufe und Aufgaben waren klarer und mit Silvia, einer der treibenden Kräfte des Vereins und die einzige der Mitmusiker*innen, die ich schon vom Dorffest kannte, probte ich diesmal sogar einmal vorab zusammen. Am 6. Dezember selbst schickte man mich, kaum war ich angekommen, auf die Bühne zum Soundcheck. Anschließend ging es in den extrem komfortablen Backstage-Bereich, der gleich aus mehreren Räumen bestand, sodass ich mich hier (zumindest übergangsweise) häuslich einrichten und mich vor Ort umziehen und schick machen konnte. Anschließend trafen wir uns zum gemeinsamen Einsingen, wobei jede*r dazu beitrug und ein oder zwei Übungen anleitete, besprachen nochmal den Ablauf und hatten auch genug Zeit, in aller Ruhe unser diesmaliges gemeinsames Lied zu üben, was – wie letztes Mal auch – jede*r bislang nur für sich geprobt hatte.

    Dann ging es los. Das Motto des Abends hieß „Jede*r hat seine Stärken!“, man könnte es auch erweitern um „egal ob mit oder ohne Behinderung“. Allseits bekannte deutsche Schlager wie „Im Wagen vor mir“ und „Ich war noch niemals in New York“ brachten das Publikum nicht nur gleich in Schwung, sondern waren dafür auch das beste Beispiel. Für den Sänger, der eine geistige Behinderung hat, war dieser Abend das Ergebnis monatelanger Vorbereitung. Dass nicht jeder Ton gepasst hat, war völlig egal, die Stimmung war bombastisch und wir freuten uns alle von ganzem Herzen mit ihm über diesen besonderen Moment.

    Ich begann zunächst mit einem Lied, was Silvia mit mir einstudiert hatte, wobei – neben einem kleinen Teil, den ich gesanglich übernahm bzw. mit einer Zweitstimme unterstützte – mein Hauptaugenmerk auf der Klavierbegleitung lag. Anschließend versuchte ich, mit „Kommt, singt mit mir“ die Anwesenden wieder zum Mitsingen zu animieren. Leider klappte das nicht so gut (vermutlich, da das Lied – logischerweise, war ja auch ein eigenes – nicht so bekannt war wie die Schlager) und ich musste schnell feststellen, dass eine Nikolausgala im Golfclub etwas ganz anderes als eine Singgruppe ist, bei der ich im Rahmen der Singleiter-Weiterbildung das Lied ganz souverän anleiten konnte. Aber dafür wurde eifrig mitgeklatscht und das tat der Stimmung genauso gut. Als zweites Lied hatte ich ebenfalls eines meiner neuen Lieder mit wenig, dafür sich immer wiederholendem Text ausgesucht. Über den Stern bzw. das Licht als weihnachtliches Symbol einerseits und Synonym für Freude, Wärme und Zuversicht andererseits wollte ich den Bogen zwischen dem gewählten Datum mitten im Advent und dem Motto des Abends spannen und die Bedeutung dieses unterstreichen: „Sei wie ein Stern und strahle, sei wie ein Stern voll wärmendem Licht. Flieg, kleiner Stern, hinaus in die Welt, damit dieses Licht alle Herzen erhellt“, oder in Worten ausgedrückt: Jede*r ist wunderbar, so wie er*sie ist und jede*r besitzt – davon bin ich überzeugt – mindestens eine Gabe, mit der er*sie für sich selbst, aber vor allem auch für die Mitwelt im positiven Sinne wirken kann – eine Botschaft, die an allen Tischen ankam und auf große positive Resonanz stieß.

    Der vierte Inclusives-Musiker im Bunde bot mir mit seinem Saxophon eine Verschnaufpause, in der die Gäste auch die Vorspeise serviert bekamen, bevor es für mich wieder auf die Bühne ging – diesmal aber nicht zum Musizieren, sondern mit meiner Braillezeile, auf der ich ein Nikolausgedicht vorlas, das unseren gemeinsamen Abschied einleitete. Mit dem Nikolaus höchstpersönlich (und diesmal auch wieder vielen begeisterten Mitsänger*innen im Publikum) wünschten wir mit „Feliz navidad“ allen einen schönen restlichen Abend und ein gelungenes Weihnachtsfest.

    Während das kulturelle Programm mit zahlreichen weiteren Highlights fortgeführt wurde, gestalteten sich die nächsten 1 1/2 Stunden für mich als stetiges Hin und Her zwischen Abbau der Bühne, essen (wir durften natürlich auch ans Buffet) sowie Interviews führen und Fotoshooting für Fernsehen, Zeitung und Social Media, gespickt von Gesprächen mit Gästen und den prominenten Inclusives-Unterstützern auf den Wegen vom einen zum anderen. Es dauerte doch deutlich länger als angenommen, bis der Heimweg angetreten werden konnte, und nach einem bereits ziemlich stressigen Arbeitstag und je einer Stunde Hin- und Rückfahrt war der Tag am Ende doch ganz schön lang.

    So viel Aufregung mitten in einer Arbeitswoche war definitiv nicht optimal und ich tue mir sicherlich einen Gefallen damit, bei solchen Anfragen in Zukunft konsequenter „nein“ zu sagen. Der Abend selbst war aber nicht umsonst: Ich konnte eine starke Botschaft so in die Welt senden, dass sie einen bleibenden Eindruck hinterließ, und habe das Gefühl, damit – wenigstens im Kleinen – wirklich etwas in Bewegung gesetzt zu haben. Und: Während mein Vater sonst oft nur als „Anhängsel“ und derjenige, der eben fährt, mich supportet und ein bisschen auf- und abbaut, gesehen wird, bekam er hier die gleiche Anerkennung und Dankbarkeit entgegengebracht wie ich auch – und das hat mich unheimlich gefreut.

    Auch von diesem Event gibt es ein Video auf YouTube:

    <a href=“https://www.youtube.com/watch?v=jFxQssew0PM“>https://www.youtube.com/watch?v=jFxQssew0PM</a>

  • Auftritt beim Dorffest in Heddesheim


    Am Sonntag, den 16.07.2023, wagte ich mich nach fast einem Jahr ohne Auftritt wieder auf die Bühne: Im Rahmen eines Beitrags des Heddesheimer Vereins Inclusives e. V. war ich auf dem Dorffest in Heddesheim zu Gast.

    Inclusives e. V. will Menschen mit Behinderung in ihren Stärken fördern, insbesondere im musikalisch-künstlerischen Bereich, und für eine selbstverständlichere gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung eintreten. Ersten Kontakt mit Inclusives e. V. hatte ich – – damals ohne es zu wissen – bei einem Auftritt mit der Schulband auf dem Mannheimer Maimarkt, der von dem Verein organisiert wurde. Für den diesmaligen Auftritt wurde ich von meinem ehemaligen Musiklehrer, der damals auch die Schulband koordinierte, angefragt.

    Bei schönstem Wetter fuhren mein Vater und ich am Sonntagvormittag nach Heddesheim. Die Zeit, bis die anderen kamen, nutzte ich, um mich in aller Ruhe im Backstage, einer ehemaligen Tabakscheune, einzusingen.

    Als die anderen da waren, machten wir erstmal eine Ablauf- und Aufbaubesprechung. Neben jeweils eigenen Programmen – ich mit drei meiner Songs, die anderen mit Coversongs – spielten wir nämlich auch etwas zusammen und wir hatten zwar vorab die Infos, was wer wie einüben sollte, digital ausgetauscht, von den anderen Mitmusiker*innen kannte ich bisher allerdings niemanden persönlich und so war Spannung und Flexibilität vorprogrammiert. Auch die finale Spielreihenfolge wurde erst jetzt festgelegt.

    Nach einem sehr unterhaltsamen Soundcheck ging es los. Ich war als Dritte dran. Die erste Künstlerin war eine richtige Schlagerqueen und reiste damit von den 1920er Jahren bis in die 2000er Jahre. Der zweite Künstler bevorzugte Liedermacher wie Reinhard Mey, Hannes Wader oder Cat Stevens und begleitete sich dabei selbst auf der Gitarre. Der Künstler nach mir sang – wie die erste Künstlerin auch – zu eingespielten Playbacks und hielt sich hauptsächlich in den englischsprachigen Klassikern der 80er, aber auch in der türkischen Musik auf. Mein Hauptlied war „Traum nach Freiheit“, was thematisch perfekt passte. Als Rahmen entschied ich mich mit „Come and be happy / Feel the music in your heart“ und „Liebe Dich selbst“ für ein ziemliches Kontrastprogramm (während „Traum nach Freiheit“ eher ernst und ruhig ist und verhältnismäßig bekannt ist, haben die anderen beiden ordentlich Power und wurden bislang selten bei Auftritten gespielt), es stellte sich aber als eine gute Entscheidung heraus, die beim Publikum super ankam.


    Unser gemeinsam gesungenes Lied hieß „We have a dream“ und wurde 2003 durch die Teilnehmenden der 1. Staffel der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ bekannt. Bei dem Lied sangen wir die Strophen solo bzw. die Textzeilen abwechselnd und den Refrain alle gemeinsam. Leider war das Playback beim Auftritt in einer anderen Tonart als meine Übungsaufnahme, was mir zum Verhängnis wurde, da die Tonart des Auftritts-Playbacks für mich zum Singen äußerst ungüntstig war, sodass ich nur teilweise mitsingen konnte bzw. spontan eine Zweitstimme improvisieren musste – aber ich bin ja anpassungsfähig und dafür, dass wir davor nie zusammen gesungen haben, fand ich unser Ergebnis ganz gut.

    Nach dem Auftritt erwartete uns eine Interview-Serie von Zeitung und Fernsehen. Danach – und teilweise auch bereits parallel dazu – bauten wir die Bühne ab und blieben noch etwas im Backstage zusammen, bevor alle wieder die Heimreise antraten.

    Es war schön, so viele neue Menschen kennenzulernen und sich beim gemeinsamen Singen aufeinander einzulassen, und obwohl ich den Auftritt anfangs gar nicht spielen wollte, hat er mir am Ende doch Spaß gemacht. Besonders bedanken möchte ich mich an dieser Stelle bei meinem Vater, mit dem ich seit Jahren ein eingespieltes Team bin. Ob als Fahrer des Autos, als versierter Helfer beim Auf- und Abbau, der meine Ausstattung besser kennt als ich selbst, als Bediener von Kamera und Diktiergerät, während ich selbst spiele oder einfach als treuer Begleiter, der mir während all der Aufregung, die sowas für mich mit sich bringt, und/oder auch einfach nur in unbekannten Umgebungen zuverlässig zur Seite steht – ohne ihn wären solche Aktionen nicht möglich. Zu guter Letzt: Der Fernsehbeitrag, der über unseren Auftritt entstanden ist, liefert meines Erachtens sehr fundierte Einblicke. So möchte ich Euch den Link dazu nicht vorenthalten – reinschauen bzw. -hören lohnt sich!

  • Ich habe einen Plan …

    Viele, die mich länger kennen, wissen, dass ich schon sehr lange den Wunsch habe, meine Stärken und Begabungen zu nutzen, um anderen Menschen damit zu dienen, ihnen einen Moment der Freude und Hoffnung zu schenken, ihnen Kraft und Unterstützung zu geben, ihnen ein Licht in der Dunkelheit zu sein. Mein ursprünglicher Berufswunsch war nicht ohne Grund, Musiktherapeutin zu werden. Und auch wenn ich mit meiner jetzigen beruflichen Tätigkeit zufrieden bin, merke ich doch, dass ich diesen Gedanken, mit der Freude an der Musik für meine Mitmenschen wirksam zu werden, bis heute nicht aufgegeben habe. Es ist ein aus meinem tiefsten Herzen kommendes Gefühl, dass das der (möglicherweise einzige) Bereich ist, in dem ich mein Potenzial, die Eigenschaften und Vorlieben, von denen ich glaube, dass sie mich als Mensch auszeichnen, wirklich gewinnbringend einsetzen kann. So glücklich ich auch eigentlich bin bzw. sein könnte, dieses musikalisch-soziale Wirken, nicht nur ab und an mal, somdern mit einer gewissen Regelmäßigkeit, fehlt mir sehr – und so ist es jetzt, wo ich, mit sicherem Arbeitsplatz und eigener Wohnung, mit beiden Füßen fest im Leben stehe, an der Zeit, mich dem Ehrenamt und meinen persönlichen Wünschen und Interessen zu widmen!

     

    Was ist heilsames Singen?

    Ich habe dahingehend bereits einen sehr konkreten Plan: Eine Zertifizierung zur Singleiterin für heilsames und gesundheitsförderndes Singen. Beim heilsamen bzw. gesundheitsfördernden Singen geht es darum, die positiven Effekte, die das Singen auf Körper, Geist und Seele hat (Stressabbau und Steigerung der Lebensfreude, aber auch Verbesserung der Atmung, Stärkung des Immunsystems oder Unterstützung der Sprachentwicklung) gezielt zu nutzen. Es geht bei dieser Art des Singens nicht darum, eine bestimmte Leistung zu erbringen – ein Aspekt, der mir in der musiktherapeutischen Arbeit während meines Schulpraktikums besonnders gut gefallen hat. Ein gängiger Spruch unter Singleiter*innen ist: „Es gibt keine Fehler, nur Variationen“ und das erlebe ich in unserer sonst so leistungsorientierten Gesellschaft als extrem befreiend. Hier ist jede*r so willkommen, wie er*sie gerade da ist, und es ist völlig egal, ob die Person musikalisch ist oder nicht. Gesungen wird üblicherweise ohne Text- oder Notenblätter. Die Lieder sind dem entsprechend einfach erlernbar und bestehen oft nur aus wenigen Textzeilen, die durch Vor- und Nachsingen und vor allem durch Wiederholung gelernt werden. Gleichzeitig können die Teilnehmenden durch die Verbindung von Musik und Bewegung (einfache Tänze oder Gebärden in der Gruppe oder paarweise) miteinander in direkten Kontakt kommen und sich als Teil einer Gemeinschaft erleben. Solche offenen Singgruppen und -kreise sind – wenngleich sie sich oft musiktherapeutischer Methoden bedienen (wobei Ablauf, Methoden und Auslegung des Singangebots meiner Erfahrung nach stark variieren können) – keine therapeutischen Maßnahmen, sondern rein unterstützend bzw. präventiv. Sie können im Prinzip überall angeboten werden, wo Menschen zusammenkommen, in Gemeinde- oder Bürgerzentren, aber auch in Altenheimen, Krankenhäusern oder Einrichtungen für Menschen mit Behinderung.

     

    Wie läuft die Weiterbildung ab?

    Ich habe mich dazu entschieden, zunächst bei der Akademie für Singen, Natur und Gesundheit die Weiterbildung „Die heilende Kraft des Singens“ zu absolvieren. Diese vermittelt musiktherapeutisches und gesundheitswissenschaftliches Grundwissen, Methoden zu Aufbau, Ablauf und Anleitung von Singgruppen, Stimmbildungs- und Lockerungsübungen, Bewegungs- und Begegnungsformen und natürlich viele beispielhafte Lieder, bleibt dabei jedoch sehr allgemein und spricht nicht die Arbeit mit bestimmten Zielgruppen an. Diese Weiterbildung besteht aus vier Modulen, die zweimal ein Wochenende (Freitag bis Sonntag) und zweimal ein verlängertes Wochenende (Donnerstag bis Sonntag) umfassen. Alle vier Module finden im Kloster Bonlanden in Berkheim statt. Aufbauend auf dieses Grundwissen kann ich mich dann bei Singende Krankenhäuser e. V. als Singleiterin zertifizieren lassen. Der Verein Singende Krankenhäuser e. V. stellt das wichtigste internationale Netzwerk für Forschung und Praxis rund um das Singen im Gesundheitswesen dar. Die Zertifizierung kann entweder mit dem Schwerpunkt „Gesundheitseinrichtungen und Krankenhäuser“ oder „Pflegeeinrichtungen und Senioren“ erfolgen. So wie ich mich kenne, werde ich früher oder später beide machen, in Anbetracht der verfügbaren Zertifizierungsmodule, die für dieses bzw. nächstes Jahr ausgeschrieben sind, wird es aber voraussichtlich erstmal auf den Schwerpunkt „Pflegeeinrichtungen und Senioren“ hinauslaufen. Mit Anrechnung der Weiterbildung bei der Akademie für Singen, Natur und Gesundheit brauche ich für jede Zertifizierung noch zwei Module bei Singende Krankenhäuser e. V., die ich aus einer großen Auswahl an Modulen zu verschiedensten Themen wählen kann.

     

    Was erhoffe ich mir von den Modulen?

    Ich würde gerne nicht primär für, sondern vor allem mehr mit Menschen gemeinsam singen und Musik machen. Zu diesem Vorhaben bewegen mich, neben dem Wunsch nach eigenem persönlichen Wachstum und neuen individuellen Erfahrungen, zwei Dinge. Einerseits möchte ich mich gerne intensiv mit den wissenschaftlichen Hintergründen beschäftigen und hoffe, lernen zu können, welche positiven Auswirkungen Musik bzw. Gesang konkret auf Menschen haben kann und auf welche wissenschaftlichen Studien sich hierbei gestützt wird. Andererseits suche ich bereits seit langem nach Methoden und Anregungen, wie ich musikalische Aktionen besser anleiten und andere musikalisch und zwischenmenschlich noch stärker einbeziehen kann. Sicherlich werden mir manche Inhalte zusagen und andere weniger, aber ich werde alles mitnehmen, was kommt – das, womit ich mich identifizieren kann, wende ich an, alles andere eben nicht. Verlieren kann ich nichts! Mein langfristiges Ziel ist eine regelmäßige ehrenamtliche Tätigkeit in einer sozialen Einrichtung und/oder auch eigene musikalisch-soziale Projekte organisieren und mit mehr Struktur und Sicherheit durchführen zu können.

     

    Und wann geht es los?

    Es ist völlig verrückt. Seit über einem Jahr spreche ich davon, habe mich mit Menschen, die diesen Weg schon gegangen sind, ausgetauscht, habe mir verschiedene Singgruppen angeschaut, unter anderem auch in einer psychiatrischen Einrichtung – und heute, am 4. Mai, fahre ich zum ersten Mal nach Berkheim. Ich bin etwas aufgeregt, aber vor allem freue ich mich riesig, dass es endlich losgeht und bin gespannt, was mich erwartet – ich werde berichten.

  • „Kultur in der Natur“ 2022

    Am Sonntag, den 17.07.2022, spielte ich – wie bereits im vergangenen Jahr – bei „Kultur in der Natur“, einer Veranstaltung, die jährlich von den Naturfreunden Karlsruhe an ihrem Bootshaus in Daxlanden-Rappenwört organisiert wird.

    Eigentlich hätte ich die Veranstaltung wieder gemeinsam mit Katharina und Johanna, einem Duo mit Klavier und Violine, zusammen gemacht. So hatten sowohl ich als auch sie einige Lieder einstudiert und als Abschluss hatten wir – nachdem das letztes Jahr so super geklappt hat – auch wieder ein gemeinsames Lied geplant. Leider stellte sich dann kurz vor dem Auftritt jedoch heraus, dass die beiden nicht dabei sein konnten (Corona macht eben auch vor uns Musikern nicht Halt…) und so bestand meine Challenge darin, auf einmal alleine zu sein. So viel vorab: Vorbereitet hatte ich 20 Minuten Programm, gespielt habe ich am Ende eine knappe Stunde.

    Gegen 09.30 Uhr erreichte ich mit meinem Vater das Bootshaus der Naturfreunde. Trotz der aktuell dort eingerichteten Großbaustelle (das Bootshaus wird zur Zeit komplett umgebaut) konnten wir unter dem sanften Rauschen der Bäume und bei herrlichstem Wetter alles ausladen, anschließen und testen.

    Um 11.00 Uhr ging es los. Es war mit etwa 15 Personen, die zum Zuhören gekommen waren, eine kleine, aber feine Runde eingetroffen, die mir ein wunderbares Umfeld für meine Generalprobe für meinen großen Auftritt bei Das Fest bot. Die Stimmung war sehr offen und man vermittelte mir das Gefühl, dass Fehler nicht schlimm sind und es einfach darum geht, ein bisschen Musik zu hören, was die Aufregung gar nicht erst aufkommen ließ. Gleichzeitig ruhte die Atmosphäre total in sich selbst, sodass ich heute nicht mit viel Power und Interaktion um die Ecke kam, sondern viele Lieder am Stück durchspielte und nur wenige (und dann nur sehr kurze) Ansagen machte.

    Nachdem die Das Fest-Generalprobe – das Programm, das ich auch gespielt hätte, wenn die anderen Musikerinnen dabei gewesen wären – zufriedenstellend über die Bühne gegangen war, stellte sich nun die spannende Frage: Was mache ich jetzt, wo die Leute eigentlich gerade erst so richtig angekommen sind? Die Lösung war: Perfektionismus ausblenden und volle Kraft voraus mit ungeübten Liedern, auch wenn ich diese teilweise seit Monaten nicht mehr gespielt hatte.

    Entsprechend fehlertolerant mussten mein Publikum und ich dann auch sein: Bei einem Lied fing ich munter an und war an einer Stelle plötzlich irritiert, weil ich diese doch schon mal gespielt hatte – bis mir auffiel, dass ich versehentlich mit Teil 2 anstatt mit Teil 1 angefangen hatte. Ein anderes Lied stimmte ich – wie auch immer das zustande kam – in einer anderen Tonart als sonst an und fragte mich dann, warum das heute so anders klang. Und während eines weiteren Liedes zerbrach ich mir die ganze Zeit den Kopf darüber, wie die Begleitung denn nochmal ging, und kam lediglich zu dem Schluss, dass sie sich definitiv anders anhörte als das, was ich spontan zusammenimprovisierte. Die Qualität war sicherlich nicht herausragend, aber dafür hatte ich meinen Perfektionismus so im Griff, dass mal wieder alles fließen durfte und ich es sogar ein bisschen genießen konnte, manche Lieder, an denen zwar gewisse Erinnerungen/Bedeutungen hängen, die ich aber schon sehr lange nicht mehr live gespielt habe, noch einmal vor Publikum zu Gehör zu bringen. Zugegeben, am Ende mangelte es dann auch an der Konzentration – ich war Auftritte von maximal 30 Minuten gewohnt und hatte bislang nur einmal länger gespielt (und das ist lange her). Aber ich hatte ja alle Freiheiten, alles so zu gestalten, wie ich es brauchte und wollte.

    Ich beendete das Konzert mit dem Lied, ohne das es in dieser Location einfach nicht geht: „Music at the river“. Ich genoss die leichte Brise, die mir um die Nase wehte, genoss die Stille um mich herum und genoss den Gedanken, dass die anderen den Fluss möglicherweise sogar gerade sehen können. Wie im letzten Jahr mein absolutes Highlight und ein fast magischer Moment!

    Im Anschluss gab es noch eine Führung über die Bootshaus-Baustelle und wir saßen noch eine Weile gemütlich bei belegten Baguettes und Getränken zusammen und genossen das schöne Wetter. Es war, wie im letzten Jahr, ein sehr angenehmer Auftritt – wenn auch ganz anders. Es war durchaus eine Ausnahmesituation für mich und sehr vieles ergab sich spontan. Aber es war eine bestärkende Erfahrung, zu spüren, dass auch das geht, wenngleich die Qualität vielleicht geringfügig darunter leidet. Es ist toll, sich auf ein so starkes Repertoire an Liedern verlassen zu können – jederzeit. Egal, ob und wie oft ich diese Lieder live spiele oder auch nicht, die kann mir niemand nehmen! Und es ist toll, wenn der innere Kritiker in den Hintergrund tritt und das Herz und das Gespür entscheiden dürfen, welches Lied als nächstes dran ist.

  • „Spiel mich!“-Aktion 2022

    Nach dreijähriger Pause hieß es zwischen dem 18.07.2022 und dem 01.08.2022 in der Karlsruher Innenstadt dieses Jahr endlich wieder „Spiel mich!“.

     

    „Spiel mich!“ verwandelt die Einkaufsstraße Karlsruhes in eine große offene Bühne. An verschiedenen Standorten werden Klaviere aufgestellt – teils gespendet, teils vom örtlichen Musikgeschäft -, die zum freien Spiel einladen. Verschiedene Kulturen, Generationen und Spielniveaus treffen hier aufeinander.

     

    Wer mich kennt, weiß, dass ich leistungsfreie Räume liebe, in die sich ganz unterschiedliche Menschen einbringen können. So nutzte ich einen freien Nachmittag, um mit weit offenen Ohren bewusst durch die Stadt zu gehen, manchmal stehen zu bleiben und aufmerksam der Musik von anderen zuzuhören und – wenn mich die Neugier gepackt hat – auch mal selbst ein bisschen zu spielen.

     

    Es war ein äußerst kurzweiliger Stadtbummel – obwohl ich eigentlich gar nicht so gerne in der Innenstadt unterwegs bin, zumindest dann nicht, wenn es sehr voll ist. Jedes Klavier war anders, angefangen bei Klangfarbe und Tastenanschlag und aufgehört bei der Umsetzung von Dynamik wie Lautstärke oder Akzentuierung. Auch war es mal interessant, mich nicht nur an eigenen, sondern diesmal ausnahmsweise auch an anderen Stücken wie der Promenade aus „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgski oder der Invention in c-dur von Johann Sebastian Bach zu versuchen. Mindestens genauso schön war es aber auch, einfach nur zuzuhören und sich überraschen und von der musikalischen Vielseitigkeit begeistern zu lassen. Ich hoffe daher sehr, dass „Spiel mich!“ nächstes Jahr in eine weitere Runde geht.

  • Auftritt bei „Das Fest“ 2022 am 24.07.2022

    Am Sonntag, den 24.07.2022, war es endlich soweit: Mein Auftritt bei „Das Fest“, dem größten Musik- und Familienfestival der Region, stand an.

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    Bereits im Jahr 2019 wurde ich für diesen Auftritt angefragt, eigentlich für 2020. Leider konnte das Event aufgrund der Corona-Pandemie 2020 und 2021 nicht stattfinden, aber ich wurde immer mit ins nächste Jahr genommen. Und so fand ich mich am Sonntag, den 24.07.2022, gegen 13.00 Uhr im Backstage der Feldbühne, auf der ich spielen sollte, ein.

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    Für mich war dieser Auftritt in vielerlei Hinsicht eine neue Erfahrung. Es war nicht nur mit Abstand der größte Auftritt, den ich je absolviert habe, sondern auch der erste Auftritt mit separatem Backstage-Bereich. Allein die Tatsache, dass ich vorab ein ausführliches Daysheet mit diversen Informationen zu Anreise, Verpflegung, Gema-List, Instrumente/Sound-Equipment u. v. m. sowie spezielle Personalkarten bekam, um überhaupt den Backstage-Bereich betreten zu dürfen, ließ schon auf eine gewisse Professionalität schließen. Die Vorbereitungen am Tag selbst starteten mit einer kurzen Vorbesprechung mit einem der Organisatoren. Danach stimmte ich mit der Moderatorin die Ansagen vor bzw. nach meinem Auftritt ab und lernte den Techniker kennen, der mir auf der Bühne zur Seite stand. Eines der Zelte bot mir einen guten Raum, um mich ausführlich einzusingen und auf dem E-Piano ein paar Lieder vorab anzuspielen. Ich merkte sofort, dass sowohl meine Stimme als auch meine Finger extrem sicher waren – und das gab mir Hoffnung und Selbstvertrauen.

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    Und dann, um 14.30 Uhr, war der große Moment gekommen. Zum ersten Mal kam ich nicht aus dem Publikum heraus, sondern von hinten auf eine Bühne. Es war durchaus ein besonderes Gefühl, als die Moderatorin meinen Namen rief und ich die Stufen hinaufging. Schon beim kleinen Walzer in c-dur merkte ich, dass ich die Sicherheit aus dem Einspielen mitnehmen konnte. Mit „Wir starten richtig durch“ und „Never forever alone“ brachte ich dann richtig Schwung auf und vor die Bühne. Die Stimmung war herausragend, die Kommunikation klappte sofort, die Leute (vor allem: Wie viele Leute es waren!) zogen voll mit und ich bin immer noch verblüfft von der positiven Energie, die sich dabei entladen durfte. Auch „Rainy day“ als zweites Instrumentalstück fügte sich perfekt ein.

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    Mein persönliches Highlight war aber „Jeder Tag“ (ehemals „Dieser Tag, jeder Tag“) – das Lied, mit dem vor acht Jahren alles angefangen hat. Es war das erste Mal seit sehr langer Zeit, dass ich es wieder auf einer Bühne spielte. Aufgrund der tiefen Bedeutung des Liedes kombiniert mit der besonderen Auftrittssituation konnte ich nicht einschätzen, wie ich im „Ernstfall“ emotional reagieren würde. Und was soll ich sagen – die Leute schienen das zu spüren. Sie klatschten eigeninitiativ den Takt mit und forderten am Ende sogar noch Zugabe ein. Es war absolut überwältigend!

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    Entsprechend Zeit brauchte ich, bis ich realisiert hatte, was überhaupt passiert war, so sprachlos und gleichzeitig glücklich war ich. Viele gaben mir unabhängig voneinander nach dem Auftritt die Rückmeldung, dass das einer meiner besten, wenn nicht der beste Auftritt war, den ich je gespielt habe und dem kann ich mich anschließen. Es hat tatsächlich beim größten Gig alles auf den Punkt genau gepasst. Ich bin unendlich dankbar für diese intensive Erfahrung, für die Sicherheit gesanglich als auch am Klavier/an der Ukulele, für das wahnsinnig offene, aufmerksame und aktive Publikum und für diese wunderbare, besondere Location. Hinter der Bühne sehr professionell, aber gleichzeitig auch extrem entspannt, auf und vor der Bühne voller Freude und Leidenschaft – einfach ein Tag, den ich noch lange in Erinnerung behalten werde!

  • Tanzen – durch Musik in Bewegung

    Seit inzwischen drei Jahren (eigentlich zwei Jahren + ein Jahr Corona-Zwangspause) tanze ich in einer Karlsruher Tanzschule – ein super Ausgleich zum Alltag, der funktioniert. Wie, erzähle ich Euch hier.

    Aller Anfang ist spannend

    Nachdem ich an der Tanz-AG in meinem letzten Schuljahr in der Blindenschule großen Gefallen gefunden hatte, war für mich schnell klar, dass ich einen richtigen Tanzkurs machen wollte. Natürlich stellte ich mir am Anfang einige Fragen: Hat man die Zeit und Geduld, mir die Bewegungen verbal zu beschreiben und mich bei Fehlern zu korrigieren? Kann ich mit dem vorgegebenen Tempo mithalten? Und lässt sich überhaupt jemand auf eine blinde Tanzpartnerin ein? Aber ich war entschlossen: Wenn ich als blinder Mensch in der „Sehendenwelt“ Anschluss finden will, muss ich von mir aus das Risiko eingehen eventuellen Vorurteilen mit meiner eigenen Selbstsicherheit entgegentreten. Also meldete ich mich an.

    Zurechtfinden in einer großen Gruppe

    Tatsächlich war es gar nicht so einfach für mich, mich zurechtzufinden. Die Paare formierten sich bei jedem Lied, manchmal sogar innerhalb eines Liedes neu und eine Gruppe von mehr als 50 Leuten macht es nahezu unmöglich, nur übers Gehör einen Überblick darüber zu bekommen, was gerade passiert – ohne meine Tanzlehrerin, die mich bei Partnerwechseln zuverlässig neu „verpartnerte“, wäre ich vermutlich völlig überfordert gewesen. Inzwischen bin ich in einer deutlich kleineren Kursgruppe und bin darüber sehr froh, da die Anzahl der Personen hier wesentlich überschaubarer ist und während der Erklärungen der Tanzlehrerin auch nicht mehr ständig geflüstert wird, was mich um ehrlich zu sein oft ziemlich gestresst hat. Zudem ist mein jetziger Kurs für feste Tanzpaare ausgelegt, sodass auch keine Partnerwechsel mehr stattfinden.

    Besonderheiten durch die Blindheit

    In meinem Tanzkurs habe ich den großen Vorteil, dass alle Tänze Paartänze sind. Dadurch tanzen sowieso alle durch die Tanzhaltung in direktem Körperkontakt mit dem Partner, wodurch ich die Bewegungen sehr gut erspüren kann. Im Gegensatz zu den Sehenden, die viel übers Abschauen von der Tanzlehrerin lernen, ist für mich das praktische Tun essenziell. Nur so kann ich wirklich erfassen, wie die Figur geführt wird und wie ich meine Schritte setzen muss. Es braucht also einen entsprechend geduldigen und verständnisvollen Tanzpartner – wobei das bislang mit allen gut funktioniert hat. Daneben orientiere ich mich sehr stark am Rhythmus der Musik, der mich insbesondere beim Lernen neuer Schrittfolgen sehr unterstützt.

    Schwierig wird es bei Tänzen, die ohne Partner getanzt werden. In den ersten Kursen haben wir immer wieder sogenannte „Partytänze“ gelernt, bei denen ich dann mal gern schräg gedreht oder Bewegungen anders interpretiert habe, als sie tatsächlich waren. Außerdem war es hier immer problematisch, wenn ich mal rauskam, weil es entsprechend schwierig ist, wieder in eine Choreographie hineinzufinden, wenn man nicht sieht, wo die anderen gerade sind. Inzwischen werden im Kurs aber nur noch Paartänze getanzt, weshalb dieses Problem zumindest aktuell der Vergangenheit angehört.

    Nie die Hoffnung verlieren

    Teilweise war meine bisherige Tanz-Zeit ziemlich steinig. In den vergangenen 1 1/2 Jahren, in denen ich – erst aufgrund von Corona, dann aufgrund meines Kurses (ich habe zwischenzeitlich vom Jugendkurs in den Erwachsenenkurs gewechselt) – einen festen Tanzpartner brauchte, musste ich (nicht aufgrund meiner Blindheit – coronabedingt bzw. aus persönlichen Gründen) dreimal neue Tanzpartner suchen. In den Zeiten, in denen ich keinen festen Tanzpartner hatte (in zwei von drei Fällen war ich einige Wochen ohne Partner), bin ich – da die anderen natürlich auch als feste Paare getanzt haben – regelmäßig alleine stehen geblieben, was für mich natürlich äußerst ungünstig war, weil ich ja erstrecht das praktische Tun brauche, um neue Sachen zu lernen. Daraus resultierten ein Gefühl von Ausgeschlossenheit und die stetige Ungewissheit, ob ich noch weitertanzen kann oder unfreiwillig aufhören muss, weil ich niemanden habe, der mit mir weitermacht.

    Wenn ich aber eines durch den Tanzkurs gelernt habe, dann, dass man die Hoffnung niemals aufgeben sollte, auch wenn es gerade schwierig ist. Meine Tanzlehrerin hat wirklich alles getan, was sie tun konnte, um mir eine gleichberechtigte Teilnahme im Kurs zu ermöglichen. Gleich zu Beginn hat sie mich gefragt, worauf sie bei ihren Ausführungen neuer Schritte achten muss. Wenn ich keinen Tanzpartner hatte, hat sie mit mir getanzt, damit ich den Anschluss nicht komplett verliere. Und nicht zuletzt hat sie einen großen Anteil daran, dass sich immer wieder Tanzpartner gefunden haben. So erfüllt es mich vor allem mit großer Dankbarkeit, dass ich Anfang Mai erfolgreich in den Goldstar 2-Kurs starten konnte – denn tanzen ist für Blinde ein wunderbarer Sport, wenn man ein offenes Umfeld hat, dass auf die sich daraus ergebenden Bedürfnisse eingeht, aber auch die Stärke eines sehr guten Gespürs zu schätzen weiß.

  • Eindrücke von der Mitmachbühne in der Kulturküche Karlsruhe

    Gemeinschaft erleben, neue Menschen kennenlernen, sich frei entfalten oder auch Neues ausprobieren … All das konnte man am 20.03.2022 im Rahmen eines Aktionstages anlässlich des Welttags des Glücks in der Kulturküche Karlsruhe, der von der Stiftung Kraftnetzveranstaltet wurde – unter anderem auf der von mir initiierten „Mitmachbühne“, einem offenen Raum, der zum freien gemeinschaftlichen Singen und Musizieren einlud.

    Der Aktionstag begann gegen 14.00 Uhr mit einer kleinen Begrüßung, bei der alle Aktionen kurz vorgestellt wurden. Zuvor hatte ich rund um das Klavier alle vorhandenen Instrumente (Gitarre, Akkordeon, Cajon und verschiedene Trommeln) hergerichtet.

    Nachdem sich alle an der Kuchenauswahl bedient hatten, starteten nach und nach die verschiedenen Aktionen. Neben der Mitmachbühne waren das u. a. noch ein Malangebot („GlücksKunst“) oder das „Schwätzbänkle“.

    Bei meiner Aktion war vor allem Flexibilität gefragt: Wie mutig sind die Leute, die kommen? Fangen sie von selbst an zu musizieren oder muss ich erst darauf aufmerksam machen und ermutigen, indem ich einen bewussten Anfang mache? Und was sind das für Menschen, die die Instrumente spielen? Sind sie schüchtern oder dominant, musikalisch oder unmusikalisch, Schlager-Fans oder Klassikliebhaber …? Letzendlich machte eine andere Helferin des Kraftnetzes den Anfang und lockte durch ihr Klavierspiel die ersten Musikbegeisterten in den Raum.

    Was dann geschah, war so faszinierend und wunderbar, wie es nur die Sprache der Musik ausdrücken kann. Es wurde – insbesondere in der Anfangsphase – relativ wenig gesprochen und so habe ich immer wieder musikalische Impulse gesetzt. Sobald aber die Grundlage (häufig einfache Friedens- oder Herzenslieder, die nur aus einem kurzen Text und wenigen Akkorden bestanden und immer wiederholt wurden) gelegt war, wurde munter improvisiert. Dabei konnte es durchaus sein, dass die Instrumente im Laufe eines Liedes ihren Besitzer wechselten. Für mich war das natürlich insofern besonders spannend, weil die anderen gesehen haben, was im Raum passiert und ob z. B. die Gitarre gerade von einem Mann oder einer Frau gespielt wird, wie alt die Person ungefähr ist etc. Ich bemerkte nur, dass ein Instrument plötzlich nicht mehr (oder wieder) oder in einer anderen Klangfarbe, einem anderen Rhythmus o. Ä. zu hören war. Teilweise hatte ich keine Ahnung, mit wem ich da gerade musiziere – und trotzdem funktionierte es. Es entstand eine Verbindung, ohne dass man sich kannte – und ohne sich vorher abgesprochen zu haben, kamen die Lieder immer zu einem gemeinsamen und harmonischen Schluss.

    Später kamen auch mehr (musikalische und sprachliche) Impulse aus der Gruppe. So gab es zwischendurch eine intuitive Trommeleinlage, ein wunderbar meditatives Stück einer Handpan-Spielerin und einen sehr regen Austausch. Den Abschluss auf der Mitmachbühne machten ein paar Kinder etwa im Kindergartenalter, die voller Neugierde und Tatendrang das Klavier und die Trommeln eroberten, mal laut, mal leise, mal die hohen, mal die tiefen Töne spielten und dazu ein Kinderlied sangen.

    Mir hat dieser Nachmittag gleich mehrere Sachen verdeutlicht. Zum einen natürlich einmal mehr, warum ich Musik so liebe. Da waren Leute im Alter von zwei oder drei bis über 70, teils mit, teils ohne Behinderung. Manche waren vor Corona regelmäßig bei Jam Sessions oder spielen seit Jahren in Bands, andere haben sich einfach an ihre Kindheit erinnert gefühlt, als sie eine Rassel in die Hand nahmen oder auf die Trommel schlugen. Musik ist eine Sprache, die über alle Grenzen hinweg funktioniert – so gab es auch überhaupt keine Verständigungsschwierigkeiten, als sich ein Musiker ohne Deutschkenntnisse zu uns gesellte. Zum anderen lohnt es sich, manche Ideen einfach mal umzusetzen, ganz nach dem Motto „Einfach mal machen – könnte gut werden“. Seit Jahren möchte ich mit Hilfe von Musik anderen und mir selbst einen Moment der Freude schenken, einen offenen Raum schaffen, in dem eine ungezwungene und ganzheitliche Selbstentfaltung möglich ist, und Menschen miteinander verbinden. Mit der Mitmachbühne habe ich erstmals aus eigenem Antrieb heraus ein solches Umfeld angestoßen – und es hat sich gelohnt!